Heilpraktiker gibt es seit über 145 Jahren

Von Karl-Fritz König

1869 wurde die allgemeine Kurierfreiheit eingeführt. Dies wird zuerst durch den norddeutschen Bund vollzogen, die übrigen deutschen Länder folgen bis 1873. Diese einschneidende Gesetzesänderung mit dem Verlust des ärztlichen Behandlungsmonopols geschieht nicht zuletzt durch das Betreiben der Berliner medizinischen Gesellschaft, die durch diesen Schachzug die Ärzteschaft vom Kurierzwang befreit.

 

Das bedeutet nicht weniger, als die Legalisierung der Ausübung der Heilkunde durch jeden, der sich dazu berufen fühlte. Der Hintergrund dieser Gesetzesänderung war unbestritten, daß die Kranken, die von Ärzten offiziell abgewiesen werden durften, nun völlig legal die Hilfe von Heilkundigen in Anspruch nehmen konnten. Als Konsequenz der Kurierfreiheit entstand folgerichtig ein Regulativ, das letztlich die jahrhunderte langen Gewohnheiten der einfachen Bevölkerung, die sich wegen der verbreiteten Armut sowieso keinen Arzt leisten konnte, seine Notwendigkeit bestätigte. 1869 war also die Geburtsstunde des nunmehr legal tätigen Heilpraktikerstandes.

 

Einige Jahre nach der Gesetzesänderung begannen sich die Heilkundigen zu organisieren um eine geregelte Aus- und Fortbildung anzubieten. Hiermit sollte nicht zuletzt das Bild vom Laienbehandler in der Öffentlichkeit positiv dargestellt werden. In diesem Sinne wurde schon 1888 der Verein Deutscher Magnetopathen gegründet. Er war eine der ersten Organisationen der Heilkundigen. Weitere Vereinsgründungen durch Anhänger Kneipps und Schüsslers folgten, so der Kneippverein und der Biochemische Bund.

 

Um sich gegen die zunehmenden Angriffe aus dem konkurrierenden Lager zur Wehr setzen zu können, wurde 1903 der Schutzverband der Heilkundigen in Berlin gegründet. 1907 wurde auf Betreiben der Ärzteschaft eine Gesetzesinitiative gestartet, die Einschränkungen der Kurierfreiheit zur Folge gehabt hätten. Dies gelang jedoch nicht und führte nur zur Gründung von Gegenbewegungen, z. B. 1909 zur Vereinigung zur Erhaltung der Kurierfreiheit. Schon damals konnten unsere geistigen Vorväter ihre Positionen glaubhaft verteidigen, denn 1910 und 1911 wurden die Gesetzesentwürfe gegen Mißstände im Heilwesen erneut mehrheitlich vom Parlament abgelehnt.

 

Die Zeit nach dem 1. Weltkrieg begann zwangsläufig mit einem Neubeginn in der Verbandsarbeit der Heilkundigen. 1920 wurde der Verband der Heilkundigen Deutschlands in Dresden gegründet, der ab 1925 seinen Sitz in Essen hatte und die führende Berufs-organisation war.

 

1924 fand ein großer Kongreß der Heilkundigen in Dresden statt. Der gemeinsame Beschluß, die künftige Fachfortbildung zu zentralisieren, hatte eine richtungweisende Funktion.

 

1926 Gründung der ersten Privaten Krankenversicherung die für Heilpraktikerleistungen aufkam.

 

1928 kommt es zu einer Neugründung, dem Großverband der Heilpraktiker Deutschlands. Bestrebungen, den Berufszugang zu reglementieren, ohne die Kurierfreiheit anzutasten, scheitern erwartungsgemäß.

 

1931 haben sich im Zuge einer liberalen Medizinalpolitik bereits 22 Heilpraktikerverbände etabliert. In Berlin wird vom Großverband Deutscher Heilpraktiker eine Heilpraktikerschule eröffnet. 1932 kommt es zu einer weiteren Zersplitterung durch die Gründung der Spitzenorganisation Deutscher Heilpraktikerverbände.

 

1933 führte Hitlers aufkommende Herrschaft zu ersten spürbaren Zwangsmaßnahmen. Der vom Reichsministerium eingesetzte Heilpraktiker Ernst Heinisch aus München wurde als Kommissar für die Heilpraktikerverbände eingesetzt. Als nächstes wurden alle bisherigen Heilpraktikerverbände dem Heilpraktikerbund Deutschlands als Zwangsorganisation angegliedert. Die Führung des neuen Verbandes erhält umfassende Vollmachten, die fast einem Kammerstatus entsprechen. Ab 1933 sind Aus- und Fortbildung sowie die Mitgliedschaft straff reglementiert.

 

1933 erscheint erstmals die Zeitschrift DER HEILPRAKTIKER der in einer Vereinigung mit der VOLKSHEILKUNDE noch heute besteht. Die Vorbereitungen für ein sog. Heilpraktikergesetz begannen.

 

1934 trat HEINISCH von seinem Amt zurück. Ernst KEES wurde sein Nachfolger.

 

1935 wurde in Köln eine weitere Heilpraktikerschule gegründet

 

1936 Umsatzsteuerbefreiung als „freier Beruf“.

 

1937 verkündete Reichsärzteführer Dr. Wagner, dass Kurierfreiheit und Nationalsozialismus zwei unvereinbare Dinge seien.

 

1938 wurde, ergänzend zu den 23 bisherigen Entwürfen eines Heilpraktikergesetzes, von denen die ältesten noch aus der Weimarer Zeit stammten, ein neuer Entwurf erstellt.

 

Am 17. Februar 1939 wurde das aus diesem Entwurf resultierende Heilpraktikergesetz mit seiner 1. Durchführungsverordnung verkündet. Es regelte nunmehr den Zugang zum Beruf mit einigen Mindestanforderungen, es war jedoch von vornherein als Aussterbegesetz des Heilpraktikerstandes geplant.

 

Am 12. Mai 1939 erhielt der Heilpraktikerbund Deutschlands - Reichsverband e.V. den Namen Deutsche Heilpraktikerschaft mit Sitz in Berlin.

 

Vom 19. bis 21. Mai 1939 findet die erste Reichstagung der Deutschen Heilpraktikerschaft in Berlin statt. Die anschließende 2. Durchführungsverordnung zum HPG hatte nicht nur die Schließung der Schulen zur Folge, sondern machte jede weitere Ausbildung unmöglich.

 

1943 erfolgte ein Verbot aller Fachfortbildungen.

 

1946 wurde Carl Moser aus München als vorläufiger Leiter der Deutschen Heilpraktikerschaft eingesetzt.

 

1947 finden erste Gespräche über neue Organisationsformen in München statt. Es erfolgt bis 1949 die Gründung von Landes-verbänden.

 

1952 wird das Ausbildungsverbot als verfassungswidrig beendet. Ausbildung und Überprüfungen sind wieder möglich. Heilpraktikerschulen in München und Kettwig beginnen mit einem zweijährigen Vollzeitunterricht ihre Ausbildungsaktivitäten.

 

Der Jetzt-Zustand:

Zur Zeit bestehen in den einzelnen Bundesländern Bayern, Berlin, Hamburg, Hessen, Niedersachsen, Nordrhein-Westfalen und Sachsen hoch qualifizierte Heilpraktikerschulen, welche von den Landesverbänden des Fachverband Deutscher Heilpraktiker e.V. getragen werden. Sie bereiten ihre Studierenden in einer mehrjährigen Ausbildung auf den verantwortungsvollen Beruf des Heilpraktikers vor.

 

Heilpraktiker dürfen ihre Tätigkeit nur im Rahmen der einge-schränkten Kurierfreiheit nach einer amtsärztlichen qualifizierenden Gefahrenabwehr-

prüfung ausüben. Das Heilpraktikergesetz von 1937 stellt dazu die Eingangsvoraussetzung dar.

 

Vertrauen Sie Ihrem Heilpraktiker